20 Nov. Das geht auf keine Kuhhaut
Am Abend des 7. November 2025 konnte man in Müssen wählen, zwischen Laternenumzug, Fußballspiel oder Lesung aus der Dorf-Chronik. Der Förderverein Alte Schule Müssen e.V. hatte zu dieser einmaligen Lesung eingeladen und siebzig interessierte Bürger und Bürgerinnen haben sich auf den Weg in die Alte Schule aufgemacht. Was sie dort erfuhren, ging im wahrsten Sinne des Wortes, auf keine Kuhhaut. Reinhard Müller, der Landwirt im Ruhestand, verstand es sehr gut, die komplizierten Formulierungen und fremdartigen Begriffe, wie sie vor 300 Jahren in Gerichtsakten verwendet wurden, in eine für alle verständliche Sprache zu übersetzen und gleichzeitig den humoristischen Anteil der zweihundert Seiten starken Müssener Chronik von Kurt Kroll, für die Zuhörer herauszudestillieren.
Bei den häufigen Besitzerwechseln des ehemaligen Müssener Gutes verloren einige Zuhörer schon mal den Überblick. Dass bei einer Gutsübergabe sogar das Los entschied, machte die Angelegenheit nicht einfacher. In seinen Ausführungen betrat Reinhard Müller die alten Bauernhäuser auch von innen und konnte vorlesen, „…das Wohnverhältnisse sehr schlecht und beengt waren. Es muss sehr schwer gewesen sein, in so kleinen, niedrigen Stuben und bei so großen Familien und bei den primitiven Koch- und Heizungsverhältnissen Ordnung und Sauberkeit zu halten.“ (Kroll, S.127 f.) Auch konnte das Publikum erfahren, dass zu der Zeit der Handel mit Blutegeln ein sehr lukratives Geschäft sein konnte. Es erforderte lediglich eine ausgefeilte Logistik, die Tierchen während der dreimonatigen Reise mit Pferd und Wagen von Russland oder Polen über Müssen bis nach Hamburg lebendig zu halten.
Zum Schluss zeigte Reinhard Müller auf, was die Namen der Kühe uns über die Geschichte erzählen. Heißen sie heute Liese oder Anna, so konnte er dem 180 Jahre alten Wirtschaftsbuch seines Vorfahren entnehmen, dass den Kühen zu der Zeit Namen gegeben wurden, die sie in einer Weise kennzeichneten, wie z.B. Breitkopf, Buntkopf, Wittkopf oder Schwarze. Besonders auffällig waren Namen wie Nachtwächter, Schornsteinfeger oder Schulmeister.
Allesamt Berufe, die in der Zeit im Rang unter dem Bauern standen. Der Aberglaube verbot es, einer Kuh einen Mädchen- oder Frauennamen zu geben, riskierte man doch damit, dass diese Kuh saure oder überhaupt keine Milch gab.
Marieke Ohle brachte Ordnung ins Geschehen. Sie gliederte mit ihren warmen, weichen Tönen auf dem E-Piano die Lesung in Spannendes und Entspannendes.
Es gab viel Applaus für Wort und Musik. Am Ende wurden allerhand Erinnerungen bei Häppchen und Getränken ausgetauscht. Geschichte und Geschichten sind der Kit, der eine Dorfgemeinschaft zusammenhält. Offenbar ist Müssen reich an beidem.
Angelika Asmus (Mitglied im Förderverein)